An die Leine. Fertig. Los!

Die Aussie-Hündin Mairin ist zwar etwas zu klein und etwas zu weiss geraten, ansonsten aber ziemlich gut gelungen. Sie beherrscht "Sit!" und "Down!" so gut, dass es sie meistens langweilt, die Befehle auszuführen, gibt Pfötchen und High Five wenn man das möchte und lässt sich auf Kommando "Peng!" buchstäblich wie aus der Pistole geschossen zur Seite fallen. Vor allem hat sie aber eine Fähigkeit, die uns in der nächsten Zeit sehr zugute kommen wird: Mairin hat gelernt, an der Leine zu laufen, ohne daran zu ziehen.  Ob das eine 3-Meter, 10-Meter oder 12-Meter Leine ist, ist ihr dabei zum Glück egal. Denn gerade die längere Version wird bald sehr oft im Einsatz sein.
Im Ernst: Ich find das absolut okay, Hunde an die Leine, dafür hab ich Verständnis. Es drängt sich nur eine Frage auf: Warum eigentlich?
"Zum Schutz der Rehe!", rufen die Jäger und Tierschützer, denn jeder Hund ist ein Wilderer! Jeder Hund stellt den Viechern nach! An die Leine mit dem Raubtier! - Ja, gut, schon klar, ist ja dran, die Leine. Also, warum genau?
Rehe sind süss, deshalb sind sie natürlich schützenswert, wollte ja auch jeder, dass Bambi aus dem brennenden Wald entkommt. Dass Bambi dafür genetisch auch genau richtig ausgestattet ist, nämlich so, dass es mit diesem Schrecken umgehen kann, das ist ja nicht so wichtig und kann in Zeiten, in denen Darwin und die Evolutionstheorie ständig in Frage gestellt werden auch gleich mit bezweifelt werden. "Survival of the Cutest!", heisst das neue Schlagwort. Dass die meisten Hunde sowieso überfütterte Angsthasen sind und deshalb der Miss Reh 2010 niemals etwas zu Leide tun würden, das kann man ausser Betracht lassen. Vielleicht dient ja aber das Gesetz auch gar nicht so sehr den Rehen, sondern viel mehr den Jägern.  Denn es wäre ja eine Schande, wenn das Wild, verstört wegen der ganzen Verbellerei, einfach vor die Flinte taumeln würden. Wo bleibt da der Jagdspass? Ausserdem wird vom Stress das leckere Fleisch sauer, und Rehpfeffer schmeckt nun einmal nicht sweet&sour.
Sehr zugute kommt die Verordnung natürlich auch jenen Waldgeistern, die ihr persönliches Naherholungsgebiet am liebsten völlig in philosophischen Gedanken versunken - versoffen, müsste angesichts der Torkelei schon fast sagen - durchwandern und dabei von Hunden so sehr erschreckt werden, dass sie ganz den roten Faden verlieren. Und die Spaziergänger, die geistig noch halbwegs bei der Sache sind, haben sich aber von den Medien solch eine Angst vor Hunden machen lassen, dass sie fast schon paranoid auf jeden Fifi ohne Leine reagieren. Hinter der Stirn arbeitet es, dass der Schweiss in Strömen fliesst: Lieber weglaufen oder dem Hund einen Fusstritt verpassen?  Entschieden wird das Dilemma dann, indem man dem Hundehalter in Drohhaltung und mit lautem Gebrüll klar macht, dass so ein Tier hochgefährlich ist und in völlig unvorhersehbaren Situationen aggressiv werden kann! Während Fifi übrigens schon längst ohne auch nur die Nase zu heben vorbeigegangen ist.
Ich selber werde Mairin in Zukunft zu ihrem und zu meinem eigenen Schutz mit Handkuss an die Kantonsobrigkeit an der Leine behalten. Zum Schutz nämlich vor unberechenbaren Kindern, die die Angst vor allen Lebewesen mit mehr als zwei Beinen, die nicht angebunden oder hinter Gittern sind, scheinbar mit der Muttermilch eingesogen haben. Und auch vor unerzogenen Kindern, die den Wald als öffentlichen Streichelzoo betrachten und auf Autorität noch sturer reagieren als so mancher Berner Sennenhund. Aber auch zum Schutz vor Bikern, die mit Tempo 200 durch die Fahrverbotszonen rasen und zu deren Repertoire die Bedienung einer Fahrradklingel scheinbar nicht gehört , zum Schutz vor Joggern, die  im Adrenalinrausch vergessen haben, wie man langsamer wird und denen ein "Halten sie den Hund fest!" offenbar leichter über die Lippen kommt als ein Grusswort, und zum Schutz vor Horden von Nordic Walkern, die ihre Familiendramen am liebsten schreiend dem ganzen Wald mitteilen, dabei nicht nur Rehe aufscheuchen sondern auch jeden Igel aus dem Winterschlaf aufwecken und es nicht schaffen, einen Moment alle hintereinander zu gehen um wenigstens einen Viertel der Wegbreite frei zu machen - wir wollen ja nicht mal die ganze Hälfte! Aber schliesslich ist es ein gängiges Mittel, die Hundehalter und ihre Vierbeiner ins Abseits zu drängen, nicht nur im Wald, sondern auch in der Politik. Ach ja, nicht zuletzt auch zum Schutz vor dem Müll, den all diese Waldbenützer in ihrem geliebten und ach so schützenswerten Naherholungsgebiet liegen lassen: Bierbüchsen, Cola-Dosen, PET-Flaschen, Znüni-Papierli, Abfällsäcke, Kleenex, Tempo, Linsoft und jede andere Form von Taschentüchern, die man sich ausdenken kann. Getoppt wird das Ganze dann nur noch von all den vogelfreien Naturalisten, die den Wald als Kloschüssel missbrauchen und dann vergessen, die Spülung zu drücken. Benutzt doch wenigstens die Robidog-Säckli! Aber Hauptsache, die Hunde sind an der Leine. Dann kann ich jetzt ja endlich aufhören, Mairin auf dem Spaziergang mit sinnvoller Beschäftigung vom Jagen abzuhalten - Schnüffelspiele, Ballwerfen, Frisbeejagen und Gehorsamkeitsübungen - und kann auch gelangweilt hinter meinem Hund hertrotten. Neues Jagdgesetz, Hallali!

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Kommentare: 2
  • #1

    stranz (Montag, 05 März 2012 11:40)

    Wauw ein echt toller Text und auch noch sooo wahr!!

  • #2

    Mme Lila (Montag, 01 Juli 2013 12:52)

    Wundervoll auf den Punkt gebracht und mich zum Lachen: Der Text macht nachdenklich. Wenn man sich dann zu Ende amüsiert hat, hinterlassen die Worte einen eklig bitteren Geschmack im Mund.

    Vielleicht schmeckt die Wahrheit so ?

    LG.

    La Lila