Ein bisschen Genetik

 

Korrekterweise müsste man Mairins Färbung als „Excessive White Blue Merle Copper“ bezeichnen, da sie mehr weisse Abzeichen hat, als im Standard erlaubt sind. Diese Unterpigmentierung – denn weiss ist letztlich kein „Zuviel“ von etwas, sondern vielmehr ein „Zuwenig“, nämlich zu wenig Pigmentzellen – führte bei Mairin zu einer halbseitigen Taubheit, kann aber auch völlige Taubheit, Blindheit oder beides hervorrufen. Aussies mit diesen Defekten werden je nach genetischem Bausatz als „excessive whites“ (übermässig Weisse) oder „merle merles“ (Doppelmerles) bezeichnet.

 

Mairin, und das möchte ich hervorheben, ist ein „excessive white“ mit gesundem Gensatz. Da ich mich aber öfters mit dem Thema konfrontiert sah, entwickelte ich ein immer grösseres Interesse an der Problematik. Mittlerweile finde ich sogar, dass das Wissen um die Genetik des Merle-Gens ins ABC jedes Aussie-Besitzers, zumindest aber jedes Merle-Aussie-Besitzers gehört, denn diese wunderschöne Färbung ist gleichzeitig auch eine sehr schwierige Angelegenheit, die viele Gefahren mit sich bringt. Deswegen widme ich dem Thema gerne eine grössere Seite auf Mairins Website, gesunde Gene hin oder her.

 

Die übermässige Weissfärbung ist ein ererbter Defekt, dem relativ komplizierte Genstrukturen zugrunde liegen, die erst teilweise aufgeschlüsselt wurden. Das Risiko, in einem Wurf unterpigmentierte Welpen wie Mairin zu haben, wird tiefer, je weniger weiss beide Elternteile (äusserlich) aufweisen. Da die äusserliche Färbung aber, wie bereits erwähnt, nicht unbedingt ausschlaggebend ist, kann es auch in einem Wurf dunkler Elterntiere unterpigmentierte Welpen geben, wenn diese bestimmte Gene weiter vererben. Unbedingt auszuschliessen sind Verpaarungen zweier merlefarbigen Hunde, was mittels Mendelscher Regeln und ein bisschen Mathematik leicht nachzuvollziehen ist.


Für einen kompletten Gensatz sind alle Gene in einem Lebewesen doppelt vertreten – eines vom Vater, eines von der Mutter. Dabei gibt es dominante und rezessive Gene, wobei sich das dominante Gen gegenüber dem rezessiven immer durchsetzen wird, wenn die zwei aufeinander treffen. Die Merlefärbung beim Aussie und anderen Rassen ist ein dominantes Gen gegenüber der Solidfärbung. Die Abkürzung für das Merle-Gen lautet (M), die jenige für das Solid-Gen, oder besser das „Nicht-Merle-Gen“ (m).


Das bedeutet: solid gefärbte Hunde haben zwingend zwei solide Farbgene, also (mm), merle gefärbte hingegen mindestens ein Merle-Gen (Mm) oder (MM). Da die Merle-Färbung einen grossen Weiss-Anteil bereits mit sich bringt, sind Hunde mit Doppelmerle-Gen (eben „merle merles“) in aller Regel von weissbedingten Defekten wie Taubheit oder Blindheit betroffen. Deswegen ist es zu vermeiden, Hunde mit (MM) zu züchten.


Diese Selektion ist einfach vorzunehmen, indem der Züchter von MerlexMerle Verpaarungen absieht. Bei solchen Kreuzungen besitzt nämlich mathematisch gesehen jeder vierte Welpe einen (MM)-Satz. Dies erklärt sich folgendermassen:

 

Bei einer MerlexSolid Verpaarung ist ein Elterntier merle gefärbt, also (Mm), und kann entsprechend entweder die Information (M) oder die Information (m) vererben. Das andere Elterntier ist solid gefärbt, also (mm), und kann entsprechend nur die Information (m) vererben. Daraus entstehen in der Nachzucht die möglichen Kombinationen (Mm) und (mm) im Verhältnis 50:50.


 

Schema Merle x Solid Verpaarung
Schema Merle x Solid Verpaarung

 

Sind beide Elterntiere gemerlt, können beide entweder die Information (M), dominante Merle-Färbung, oder (m), rezessive Solid-Färbung weitergeben. Mögliche Kombinationen sind also (Mm), (mm) und eben (MM) mit einer Wahrscheinlichkeit von 50:25:25.

 

Schema Merle x Merle Verpaarung
Schema Merle x Merle Verpaarung

 

Ein Züchter, der zwei merle gefärbte Tiere miteinander verpaart, nimmt also wissentlich und willentlich in Kauf, dass jeder vierte Welpe mit Defekten des Hör- oder Sehvermögens, oder von beidem, zur Welt kommt. Leider ist dies teilweise immer noch eine gängige Praxis bei Vermehrern, die darauf aus sind, möglichst viele der so begehrten Merle-Aussies zu produzieren, da durch die MerlexMerle Verpaarung die Chance auf gemerlte Hunde wesentlich höher ist als die auf solide. Die daraus entstehenden „merle merles“ werden entweder eingeschläfert oder landen in Auffangstationen, von wo aus sie aber selten weitervermittelt werden können.


Andere Namen für „merle merles“ sind
„over merles“ (Übermarmorierte), 
„white merles“ (Weissmerles),
„rare whites“, (seltene Weisse),
„fatal whites“ (schwerwiegend Weisse).


Ein weiterer, immer populärerer Begriff ist „lethal whites“, tödlich Weisse. Diese Bezeichnung wurde von der Pferdezucht der Rasse Paint Horse abgekupfert. Typischerweise bei Pferden mit der Overo-Färbung (die ausgeprägte Scheckfärbung der „Indianerpferde“), aber versteckt auch bei anderen Farben (Tobiano-Muster) und Rassen (z.B. Quarter Horses) gibt es das sogenannte „Overo Lethal White Syndrome“. Fohlen, die diesen Gendefekt tragen, haben einen Darmfehler, durch den sie keinen Kot absetzen können. Da diese Fohlen schneeweiss geboren werden, wurde der Begriff für Australian Shepherds mit Doppelmerle-Gen übernommen, obwohl der eine mit dem anderen Defekt überhaupt nichts zu tun hat, und der Name auch irreführend ist, da der Gendefekt bei den Paint Horses innert kürzester Zeit zum Tod führt, während derjenige bei den Aussies „nur“ zu Taub- und Blindheit führt.

 

 

Ich möchte an dieser Stelle noch einmal stark betonen, dass Mairin kein „merle merle“ ist, sondern ein „excessive white“. Das bedeutet, dass sie einen gesunden (Mm) Gensatz besitzt, bei dem durch verschiedene andere genetische Einflussfaktoren die weisse Färbung Überhand gewonnen hat. Für mich persönlich steht fest, dass ich einen „merle merle“ nicht adoptieren würde, obwohl ich überzeugt bin, dass diese Hunde nicht weniger Aussie sind als alle anderen, und mir die armen Weissen natürlich sehr leidtun. Solange sich für diese armen Geschöpfe aber Abnehmer finden lassen, teilweise sogar dankbar Abnehmer, die die weisse Färbung bewundern und die Hunde wegen ihres Fells für besonders auffällig und schön halten, werden die Vermehrer auch weiter MerlexMerle Verpaarungen vornehmen. Dies sollte meiner Meinung nach boykottiert werden, um solcher Gewissenlosigkeit möglichst schnell Einhalt zu gebieten und die Gesundheit einer wunderbaren Rasse auch weiterhin sichern zu können.

 

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Kommentare: 5
  • #1

    Jennifer-Joanne Schmid (Freitag, 04 März 2011 01:17)

    Guten Abend Anne

    Hab Deine Seite auf der Suche nach Infos über den Merle-Gen-Defekt aufgespürt und finde toll, wie Du den zusammenfasst - bin nun doch etwas schlauer! ;)

    Lieber Pfotendruck
    Jennifer-Joanne

    P.S.: Falls Du ins grübeln kommst, woher wir uns kennen - hundi.ch Forum lässt grüssen.

  • #2

    Daniela (Montag, 16 Mai 2011 11:26)

    Eine wunderschöne Webseite haben du und Mairin. Und vielen Dank für diesen tollen Artikel!!

  • #3

    Reno (Mittwoch, 11 Juli 2012 16:29)

    THX for info

  • #4

    Petra Martins (Samstag, 26 Dezember 2015 12:45)

    yow,....genauso isses. Manche Züchter wollen davon leider nichts wissen, denn sie sind immer noch der Meinung, dass eine MerlexMerle Verbindung ( wenn nicht gleich eine deutliche Missbildung zu sehen ist ) genetisch keinen Fingerabdruck weiter gibt. Sabine has de super klasse geschrieben.
    Petra Martins

  • #5

    manuel (Donnerstag, 08 Dezember 2016 08:11)

    es tut mir leid aber ich finde dich und all die anderen menschen grauenhaft die mit dem wissen leben das diese tiere nicht mehr ihrer natur entsprechen von uns menschen überzüchtet und euch idioten gekauft werden. würdet ihr euer kind denn so anpassen und designen sogar genetisch verändern nur damit es eurem optischen ideal entspricht ? nein ich denke nicht. der mensch ist in gewisser hinsicht ja dich das dümmste tier auf erden.